Thomas Potthoff – 25 Jahre in der Pfennigparade WKM GmbH
von Die Redaktion
(Thomas Müller:) Gustav, wir kennen uns schon eine ganze Weile, aber nicht alle Leute kennen dich so gut wie ich. Deswegen stelle dich doch mal ganz kurz vor und auch interessant ist, wie lange du denn in der Pfennigparade warst.
(Gustav Schädlich-Buter:) Ja, Thomas. Also, ich bin der Gustav Schädlich-Buter, bin Jahrgang 1958, also jetzt 66 Jahre alt geworden. Bin verheiratet, Vater von vier Kindern und seit gut 37 Jahren in der Seelsorge tätig, in Pfarreien, in der Jugendseelsorge, in der Klinikseelsorge und jetzt 15 Jahre in der Pfennigparade.
(Thomas Müller:) Okay, das ist ja schon eine lange Zeit, weil da bin ich auch erst zwei Jahre vorher in die Pfennigparade gekommen und bin ja jetzt auch schon eine ganze Weile da.
(Gustav Schädlich-Buter:) Vielleicht noch zu meiner Ausbildung: Ich habe also ganz normal Theologie studiert, genau wie die Pfarrer oder die Priester, katholische Theologie und ich habe auch Philosophie studiert in München. Und, ja, das war so ein bisschen der Hintergrund von meiner Tätigkeit.
(Thomas Müller:) Okay. Also, geistig immer breit aufgestellt, kann man sagen. Du hast immer nach Möglichkeiten gesucht, sage ich mal, deinen Geist zu füttern auch, um irgendwie dann auch einen geistigen Zugang zu allem zu bekommen, würde ich sagen.
(Gustav Schädlich-Buter:) Ja. Absolut richtig. Also, weil gerade das Geistige in der Philosophie, das war auch schon eine wichtige Spur, die ich verfolgt habe. Ich komme ja auch ursprünglich auch vom Land, aus dem Allgäu. Meine Mutter stammt von einem Bauernhof. Also, ich habe sozusagen auch diese bäuerlichen Wurzeln. Aber diese geistige Spur, die habe ich dann auch schon, wie ich nach München dann umgezogen bin, bekommen und da ist schon viel in mir wach geworden, was ich auch immer wieder brauche oder einsetze.
(Thomas Müller:) Zweite Frage: Was hat dich in deiner Zeit in der Pfennigparade am meisten an den Menschen hier beeindruckt?
(Gustav Schädlich-Buter:) Oh. Ganz viel eigentlich, sehr viel. Also, erstmal der Mut und die Tapferkeit, mit dem sie ihr Leben nehmen. Der Humor, die Lebendigkeit, die trotz aller Einschränkungen da war. Die vielfältigen Ressourcen, die vielfältigen Möglichkeiten, die in ihnen stecken. Und ja, dass sie das Leben so nehmen, wie es ihnen zugemutet geworden ist, dass sie nicht aufgeben, dass sie auch immer ein bisschen sowas wie Hoffnung vermittelt haben. Auch mir, ja?
(Thomas Müller:) Ein Wording gefällt mir von dir jetzt nicht, deswegen gehe ich mal da drauf ein. Und zwar sagst du „Es wird ihnen zugemutet.“ Meine Definition davon wäre: Du bekommst eine Aufgabe gestellt und du musst sie eben lösen. Deswegen “Zumutung“ finde ich ein bisschen krass gewählt. Meinst du das so, oder wie?
(Gustav Schädlich-Buter:) Ja, also, ich meine es in die Richtung: Mut hat ja auch sowas mit Courage zu tun, also, sozusagen mit Mut sein Leben anpacken. Also, Courage heißt, kommt ja von dem Wort cœur, von dem französischen Wort. Was heißt: „Mit Herz etwas anpacken. Das Leben beherzt anpacken.“ Kannst du so mit dem besser?
(Thomas Müller:) Ja, da kann ich absolut mit leben. Mich hat nur das eine Wort so ziemlich gestört.
(Gustav Schädlich-Buter:) Ja, ne, also, mutig sein Leben anpacken, auch wenn es nicht immer leicht ist, aber jeder Mensch hat sein Päckchen zu tragen, denke ich mal.
(Thomas Müller:) Auf jeden Fall ist das so. Was war das wichtigste Erlebnis in deiner Zeit in der Pfennigparade bei uns hier?
(Gustav Schädlich-Buter:) Ach, das wichtigste Erlebnis ist schwer zu sagen. Also, es gibt viele, viele sehr beeindruckende und wichtige Erfahrungen. Auch in den Trauerfeiern habe ich das immer wieder erlebt, wie Menschen berührt waren, wie Menschen ihre Gefühle und ihre Liebe zum Ausdruck gebracht haben. Und ich kann mich noch erinnern, an eine Situation, wo wir mal dieses Lied eingespielt haben am Schluss bei einer Trauerfeier. „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über“ und so weiter, and wie da einige, ja, auch zum Weinen angefangen haben, als sie dieses Lied gehört haben. Und für mich war das so, „Der Himmel geht über allen auf“, dass da auch so ne tiefe Sehnsucht nach Spiritualität, ne tiefe Sehnsucht wach geworden ist, die ich immer wieder auch an verschiedenen Stellen entdeckt habe. Dass es noch mehr geben muss, als dieses rein irdische Leben.
(Thomas Müller): Was wirst du in deinem Ruhestand am Meisten vermissen von hier?
(Gustav Schädlich-Buter): Ja, ganz eindeutig die Menschen, die Menschen mit ihren Lebensgeschichten. Die Menschen mit ihrem Humor, die Menschen mit ihrer, ja mit ihrer freundlichen Art, mit ihrer Zuwendung. Also da hab ich sehr viel, da hab ich sehr viel profitiert und gelernt. Ich war nicht nur einer, der was gibt, ich hoffe, ich konnte auch was geben. Aber ich hab auch sehr viel bekommen. Und das ist mir auch ganz wichtig, dass das auch deutlich wird, ja.
(Thomas Müller): Was nimmst du aus deiner Arbeit mit Menschen mit Behinderung für dich mit? Also was ziehst du raus für dich?
(Gustav Schädlich-Buter): Ja, also, ich nehme vieles mit. Ich denke, ich nehme als Erstes mal mit, die Welt mutig, das Leben mutig anzugehen, nicht aufzugeben, immer weiter zu gehen, die Hoffnung nicht zu verlieren, durch Krisen oder durch Schwieriges durchzugehen. Ich nehme auf, dass, ich bin ja eher bisschen, manchmal auch ungeduldiger Mensch auch so. Die Geduld, die mir vermittelt wurde. Geduld ist ja auch etwas, was heute in unserer Zeit immer mehr verloren geht. Die Geduld sozusagen, dass Dinge sich auch entwickeln müssen. Dass Dinge wachsen müssen, bis sie reif sind. Die Langsamkeit in dieser Zeit, wo alles immer so gehetzt ist. Was ganz Positives, dieses Humorvolle. Ja, vielleicht noch ganz viel.
(Thomas Müller): Begleitet dich das Nachdenken und der Glaube eigentlich auch im Privaten und wenn, wie tut er das?
(Gustav Schädlich-Buter): Natürlich begleitet mich der Glaube auch im Privaten. Glaube ist für mich nichts Privates, sondern etwas, was Menschen, was die Grundlage unserer, also was wir, in meiner Weltanschauung, und in meinem Glauben, sozusagen, was die Grundlage unseres „Mensch-Seins“ ist. Dass wir uns einer Schöpfermacht verdanken, dass wir überhaupt hier sind, dass unser Leben auch gelingen kann. Dass unser Leben nicht nur auf uns, auf unser Ego oder auf unser „Ich“ verwiesen ist, sondern dass es eine Macht gibt, an die ich mich auch wenden kann, wenn’s mir schlecht geht, wenn’s mir dreckig geht, wenn ich in der Krise bin und so weiter. Und davon etwas den Menschen zu vermitteln, von meinem Glauben, das geht ja natürlich nicht nur wenn ich, dass es nur was Privates ist, sondern ich denke, mein Leben hat nur Bedeutung und Sinn für andere, wenn es auch für mich selber eine Grundlage ist. Deswegen ist ja das nicht mit meinem Ruhestand beendet, sondern ich möchte, mein Leben wandelt sich ja weiter. Jemand hat gesagt: „Ja so, jetzt hast du’s ja geschafft.“, aber natürlich ist jetzt eine bestimmte Phase des Lebens an ein Ende gekommen, aber es geht ja weiter. Solange ich lebe, hoffe ich, und vielleicht auch noch danach, dass sich mein Leben weiter wandelt, dass ich auch auf die Menschen eingehen kann, auch da hat sich ja viel verändert, verwandelt an Werten, an Einstellungen in unserer Gesellschaft. Und Leben hat nur, mein Leben, so denke ich, hat nur Bedeutung, wenn ich da auch mich selber wandle und mitgehen kann und aber trotzdem auch von dieser Grundlage, die mein Leben trägt, die im Grunde auch mit Hoffnung zu tun hat, etwas weiter geben kann.
(Thomas Müller): Was wünscht du dir für die Zukunft, auch für deine Rente? Also, für die Zeit, die du jetzt hast. Was möchtest du noch gerne haben?
(Gustav Schädlich-Buter): Ja, Thomas, ich möchte vielleicht ein bisschen mehr Freiraum haben, also dass man mal so, dass ich wieder in den Tierpark gehen kann, dass ich mal vielleicht in die Berge fahren kann, dass ich in aller Ruhe ein Museum besuchen kann. Also solche Dinge, da freu ich mich schon drauf. Aber ich hoffe auch, dass ich noch irgendwie auch was Gutes auch in Zukunft weitergeben kann, was Sinn macht und was für andere Menschen oder für unsere Gesellschaft auch irgendwie wertvoll sein kann.
(Thomas Müller): Ein schöner Wunsch auf jeden Fall. Und, woraus schöpfst du die meiste Kraft für dich? Also, was im Leben gibt dir die meiste Kraft oder gibt’s irgendein Hobby, woraus du Kraft ziehst, tatsächlich?
(Gustav Schädlich-Buter): Ja, also wenn du jetzt nach Hobbies fragst, das ist vielleicht nicht ganz richtig bezeichnet als Hobby, also des ist…
(Thomas Müller): Leidenschaft?
(Gustav Schädlich-Buter): Leidenschaft, das ist so die Kunst und die Malerei, die ich ja selber auch schon seit vielen Jahren mache. Das ist für mich nicht bloß ein Hobby, sondern auch ein bisschen so, nicht nur ein bisschen, sondern das ist für mich auch Seelenarbeit und da draus schöpfe ich auch Kraft und natürlich ist das auch für mich so eine Form von Meditation, ja. Ich versuche auch selber so auch zu meditieren und zu beten, mich Gott hinzuhalten, auch ohne Worte, und zu sagen: „So, wie’s jetzt ist, bin ich da vor dir und dann schau ma mal, was da passiert.“ Also das ist so etwas, was mir Kraft gibt. Oder was mir Zuversicht gibt, dass ich mit alldem, wie ich bin, mit all den Stärken und Schwächen, mit all dem, wie’s mir grade geht, mal gut, mal nicht so gut, mal schlechter, mal optimistischer, oder mal, ja. Also, dass ich mit all dem sozusagen einer anderen Macht, ja, hinhalten kann und sagen: „Nimm mich an. Ich bin kein ganz Guter, ich bin kein ganz Schlechter. Ich hoffe, du nimmst mich so, wie ich bin.“
(Thomas Müller): Ja, jetzt kommt die letzte Frage des Interviews. Gibt’s noch was, was du der Pfennigparade zu sagen hast? Und damit verbunden: Was wünscht du den Leuten hier für die Zukunft?
(Gustav Schädlich-Buter): Also, ich hab’s ja vorher eigentlich schon gesagt: Also, gebt nie die Hoffnung auf! Immer weiterkämpfen, auch für eure Rechte, für die Inklusion. Sich nicht kleinmachen, sondern großmachen, sich immer mehr in das Bewusstsein kommen, dass ihr bedeutsam seid, auch dass ihr bedeutsam seid in und für die Gesellschaft. Dass ihr wichtig, ein wichtiger Teil seid. Und dass ihr vieles beizutragen habt, dass die Welt ärmer wäre ohne euch. Und, ja, dass die Hoffnung euch, die Hoffnung, dass wir irgendwann weiter voranschreiten mit ner inklusiven Gesellschaft, dass die euch vorantreibt, auch zu kämpfen auch für dieses gute Ziel.
(Thomas Müller): Das ist ein schönes Schlusswort, Gustav. Ich bedanke mich persönlich recht herzlich bei dir für das Interview, dass du mir gegeben hast. Vielen Dank.
(Gustav Schädlich-Buter): Ja, vielen Dank, Thomas. Das waren ausgezeichnete Fragen und ja, vielleicht habe ich ein bisschen rumgestottert bei manchen, aber ich denke, das meiste ist schon das, was ich auch sagen wollte, von Herzen sagen wollte. Vielen Dank für das Interview und die Fragen.
(Thomas Müller): Bitte, es war mir ein persönliches Anliegen.
(Gustav Schädlich-Buter): Dankeschön.