Zu Beginn des vergangenen Jahres hat Matthias Messerer die Geschäftsführung des Pfennigparade ChancenWerks übernommen. Im Gespräch mit Werkstattrat Thomas Müller spricht er über die besondere „Pfennig-DNA“, seine beruflichen Erfahrungen, die Zukunft der Werkstatt – und darüber, warum ihm das Motto „nah bei die Leut’“ so wichtig ist. 

Die Pfennig-DNA: Alle ziehen am gleichen Strang 

Was hat dich am meisten beeindruckt?

Die größte Herausforderung war, das ChancenWerk und die Pfennigparade wirklich zu verstehen: unsere DNA, unser Selbstverständnis.

Beeindruckt hat mich, dass alle sichtbar am gleichen Strang ziehen. Dieser „P-Faktor“ – Spaß an der Arbeit, das enge Zusammenarbeiten von Menschen mit und ohne Behinderung – ist überall spürbar. Hier begegnen sich alle auf Augenhöhe, unabhängig von Funktion oder Aufgabe. Man teilt Sorgen ebenso wie schöne Momente.

Typisch Pfennigparade ist für mich auch, wie nah man als Geschäftsführer am Alltag dran ist: Einladungen in Gruppen, direkte Einblicke in die Arbeit, gemeinsames Anpacken in schwierigen Situationen. Jede und jeder denkt für alle mit. Das ist für mich Pfennigparade live.

Vom Industriekaufmann zum Geschäftsführer

Wo hast du vor dem Pfennigparade ChancenWerk gearbeitet?

Ich habe ursprünglich mal Industriekaufmann gelernt, nach der Realschule, habe dann mein Abitur gemacht sowie Betriebswirtschaft studiert und nach dem Studium verschiedene Stationen durchlaufen.

Besonders geprägt haben mich die mehr als fünf Jahre bei der Caritas in den Wendelsteinwerkstätten, einer Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung. Dort war ich Verwaltungs- und kaufmännischer Leiter und habe die gesamte Themenbreite von Werkstätten kennengelernt. Die Verbindung von sozialem Auftrag und produktiver Arbeit hat mich sehr angesprochen.

Anschließend war ich bei der Deutschen Bahn als Projektleiter, weil ich mir gedacht habe, ich möchte gerne Projektmanagement machen. Ich finde Projektmanagement total wichtig, weil man Dinge mit mehr Plan, Ziel und Struktur angehen kann. Heute verbinde ich diese kaufmännische Erfahrung mit der Arbeit mit Menschen – in den Gremien genauso wie direkt in den Gruppen.

Thomas Müller:

Da hat mir Barbara Stamm einen wichtigen Leitsatz mitgegeben: „Wenn du ein öffentliches Amt ausführst, dann musst du eins machen, sei nah bei die Leut’.“ Das ist bis heute mein Leitmotiv als Werkstattrat – und ehrlich gesagt auch als Mensch. Man ist nah an den Kolleginnen und Kollegen dran, kriegt mit, was sie betrifft und was ihnen helfen kann – dann ist man gut.

Matthias Messerer:

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. „Nah bei die Leut’“ beschreibt auch, wie ich meine Aufgabe als Geschäftsführer verstehe: präsent sein, zuhören, ernst nehmen, was die Menschen bewegt – und Entscheidungen nicht am Schreibtisch vorbei treffen.

„Qualifizierung ist ein Schlüssel zur Attraktivität“

Wo siehst du die Herausforderungen für das ChancenWerk, damit wir auch zukünftig wettbewerbsfähig bleiben können und attraktiv für Menschen mit Behinderung oder auch eben für Fachpersonal, was hier engagiert arbeiten möchte?

Ich finde, dass wir attraktiv sein müssen, vor allem auch in der Qualifizierung. Mit Angeboten wie den Zertifikatslehrgängen (1) werten wir den Weg durch Berufsbildungs- und Arbeitsbereich deutlich auf. Das schafft Anerkennung und Perspektiven.

Zweitens brauchen wir ein breites, interessantes Arbeitsangebot. Von Medienarbeit über Konfektionierung, Gärtnerei, Schreinerei, Bücherkiste bis zu kreativen Arbeiten sind wir hier schon außergewöhnlich gut aufgestellt.

Gleichzeitig müssen unsere Produkte und Dienstleistungen wirtschaftlich tragfähig sein. Ein Kernantrieb für mich ist, Werkstattlöhne gut erwirtschaften zu können. Unternehmen sollen sagen: „Ich gehe zur Pfennigparade, weil das Produkt oder die Dienstleistung gut ist“ – unabhängig davon, dass sie von Menschen mit Behinderung erbracht wird.

Werkstatt, allgemeiner Arbeitsmarkt sowie Wunsch- und Wahlrecht

Sind Werkstätten für Menschen mit Behinderung auch in Zukunft notwendig? Und was müsste man tun, um sie überflüssig zu machen?

Ob Werkstätten irgendwann überflüssig werden, ist eine gesellschaftliche Frage. Entscheidend sind zwei Punkte: Wie ernst wird Inklusion genommen – und wie sieht das Wunsch- und Wahlrecht von Menschen mit Behinderung konkret aus?

Es reicht nicht, theoretisch Arbeitsplätze im allgemeinen Arbeitsmarkt zu fordern. Viele Menschen brauchen zusätzlich Pflege, Arbeitsassistenz oder psychosoziale Unterstützung. Wenn diese Rahmenbedingungen draußen nicht ähnlich gesichert sind wie in der Werkstatt, gibt es faktisch kein echtes Wahlrecht.

Hier sehe ich unsere Aufgabe darin, gemeinsam mit dem Werkstattrat klare Forderungen an Politik und Leistungsträger zu formulieren und individuelle Lösungen zu stärken. Jeder Mensch mit Behinderung ist einzigartig und braucht etwas anderes.

„Wer arbeitet, braucht ein verlässliches Einkommen“

„Wie beurteilst du die Entgeltsituation in der Werkstatt und was müsste sich verbessern?“

Ich sehe zwei Ebenen:

Im Haus selbst müssen wir gute Aufträge gewinnen, fair verhandeln, solide kalkulieren und Arbeitsangebote ehrlich prüfen. Wenn etwas dauerhaft nicht funktioniert, brauchen wir den Mut, es zu verändern – immer mit dem Anspruch, neue passende Tätigkeiten zu finden. Das Recht auf Arbeit steht für mich außer Frage.

Politisch unterstütze ich klar die Idee „alles aus einer Hand“. Werkstattlohn, Einmalzahlungen, Grundsicherung, Wohngeld, Mehrbedarf – all das aus verschiedenen Töpfen zu beantragen, ist schwer nachvollziehbar. Wer arbeitet, sollte ein klares, verlässliches Einkommen erhalten, ohne sich durch einen Dschungel von Formularen kämpfen zu müssen.

KI, Produkte und kontinuierliche Veränderung

Was glaubst du, welche Tätigkeiten im ChancenWerk in Zukunft vielleicht neu dazu kommen und welche eher wegfallen?

Ich glaube an kontinuierliche Weiterentwicklung statt große Brüche. Das ChancenWerk war immer in Bewegung.

Im Medienbereich und in der Medienschmiede zum Beispiel wird Künstliche Intelligenz noch stärker Einzug halten. Einige Tätigkeiten werden wegfallen, andere entstehen. Daraus können neue Angebote entstehen – etwa Beratung rund um KI oder kombinierte Dienstleistungen für Unternehmen und ihre Kommunikation.

Eigene, haptische Produkte wie Kerzen, Seifen oder Bilder werden aus meiner Sicht weiterhin gefragt sein, auch wenn wirtschaftlich gerade schwierigere Zeiten herrschen. Unsere Aufgabe ist es, nah an Firmen und Endkundinnen und -kunden zu bleiben und unser Angebot gezielt daran auszurichten.

Vision: Ein vielfältiger Chancengeber

Was ist deine Vision für die Werkstatt im ChancenWerk?

Meine Vision ist, dass wir ein vielfältiger Chancengeber bleiben – für alle, die bei uns arbeiten.

Dazu gehören passgenaue Angebote für Menschen mit geringerer Leistungsfähigkeit, beruhigte Bereiche für Personen mit höherem Pflegebedarf und klare Entwicklungswege und Zertifizierungen für alle, die sich weiterqualifizieren oder auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln möchten.

Unser Angebot soll so vielfältig sein wie die Menschen selbst. Und diese Vision muss sich laufend weiterentwickeln, sonst wäre sie nicht „nah bei die Leut’“.

„Schaut auf eure Stärken“

Gibt’s noch irgendwas was du uns mit auf den Weg geben möchtest?

Ich habe großen Respekt vor allen, die im Pfennigparade ChancenWerk arbeiten. Was jede und jeder aus der eigenen Behinderung macht, beeindruckt mich täglich. Behinderung ist für mich nicht nur Hürde, sondern auch Chance: Oft treten andere Stärken umso klarer hervor. Wer körperlich weniger kann, ist vielleicht im Kopf schneller, wer in einem Bereich eingeschränkt ist, entwickelt besondere Fähigkeiten in einem anderen.

Mein Wunsch: Bleibt dran, glaubt an das, was ihr könnt, und lasst euch nicht einreden, dass ihr etwas nicht könnt. Schaut nicht auf eure Schwächen, sondern auf eure Stärken. Zusammen mit „nah bei die Leut’ sein“ ist das ein Lebensmotto, das mich selbst stark prägt.

Fußnoten:

(1) Zertifikatslehrgänge:

Aktuell läuft bei uns im ChancenWerk z.B. der Kurs „Assistent*in im Büro“, der mit einer Prüfung bei der IHK abgeschlossen werden kann. Weitere Kurse sind in Planung.