Auf Spurensuche nach Online-Barrieren mit der Stiftung Pfennigparade  

In Zeiten des digitalen Wandels bietet das Internet immer mehr Möglichkeiten. Doch Menschen mit körperlichen Einschränkungen scheitern auch online noch viel zu häufig an digitalen Barrieren. Ein engagiertes Team aus Mitarbeitenden der Stiftung Pfennigparade, bestehend aus Menschen die selbst betroffen sind, macht sich täglich daran, diese Fallen für Menschen mit Behinderungen im Netz sichtbar zu machen – ein Tag mit den Digitalexpertinnen und -experten des ,,Testlabor Barrierefreiheit“

Eine Reportage von Jonas Lukasch

„Schaltfläche: Chrome-Browser“, sagt die computergenerierte Stimme, während Andreas de Biasio mit den Pfeiltasten durch seine Apps navigiert. Was aussieht wie ein Tastentelefon aus der Prä-Smartphone-Ära, ist sein Tor zur digitalen Welt: Ein spezielles Gerät mit ertastbarem Nummernblock und zuverlässiger Sprachausgabe. Andreas, der seit seiner Geburt vollständig blind ist, gibt dieses Gerät die Möglichkeit, im Alltag so selbstverständlich zu surfen, zu chatten oder Podcasts zu hören wie jeder andere auch. Doch so einfach kommen Menschen mit körperlichen Einschränkungen nicht immer in dieser immer größer werdenden virtuellen Welt zurecht.

Während analoge Hürden wie fehlende Busrampen sofort ins Auge springen, bleiben digitale Barrieren für viele unsichtbar.

Dabei ist barrierefreies Internet in einer digitaler werdenden Zeit für über 13 Millionen Menschen in Deutschland essenziell. Dass diese Barrierefreiheit aber oft noch nicht ausreichend vorhanden ist, zeigt eine Studie von Aktion Mensch, der Stiftung Pfennigparade und Google: Von 65 der umsatzstärksten Online-Shops in Deutschland erfüllte kein einziger alle Kriterien für eine tadellose barrierefreie Nutzung. So war nur jede dritte Website beispielsweise überhaupt ohne Maus bedienbar, was bereits einige Menschen von der Nutzung ausschließt.

Andreas de Biasio kennt diese Hürden aus eigener Erfahrung. Er arbeitet bei der Münchner Stiftung Pfennigparade, die sich seit ihrer Gründung 1952 der Inklusion verschrieben hat, ursprünglich aus der Motivation heraus, die Polio-Epidemie zu bekämpfen.

Heute ist das Sozialunternehmen mit rund 2.500 Mitarbeitenden in fast allen Lebensbereichen aktiv: von Schulen und Kitas über Wohn- und Reha-Angebote bis hin zu inklusiven Arbeitsplätzen an verschiedenen Standorten in München.

Ob es um die Buchung eines Bahntickets oder den Online-Einkauf geht: Der Bedarf an barrierefreien Lösungen ist riesig. Deshalb widmet sich die Pfennigparade besonders seit 2022 intensiv diesem Thema. Im 4. Stock des Gebäudekomplexes wirkt das „Testlabor Barrierefreiheit“ auf den ersten Blick wie ein typisches Großraumbüro: Lange Tischreihen, konzentrierte Gesichter vor großen Monitoren, eine Pinnwand mit Terminen und witzigen Teamfotos. Anders ist natürlich die Tatsache, dass fast alle im Rollstuhl sitzen. Und wer genauer hinsieht, erkennt noch ein paar Besonderheiten:

Da sind Joysticks, die anstelle einer Maus zum Klicken benutzt werden, leuchtende Nummernblöcke oder auch der sogenannte “Quad Stick“ – ein Schlauch, den sich ein Mitarbeiter in den Mund steckt, um damit einen Ersatz für die Computermaus zu haben, das Gerät reagiert auf Ansaugen. All das sind wichtige Hilfsmittel für Betroffene, um effizient trotz Einschränkung arbeiten zu können.

Direkt neben dem Fenster ist der Arbeitsplatz von Andreas de Biasio, leicht zu erkennen an der bemalten Kaffeetasse mit seinem Namen.

Vor Andreas Laptop liegt seine Braillezeile. Sobald das Gerät hochfährt, beugt er sich über die Leiste aus fühlbaren Punkten, die den Bildschirminhalt in Blindenschrift übersetzen. Parallel liest ihm ein Screenreader über Kopfhörer alles vor, was andere mit den Augen erfassen. Dank dieser Kombination navigiert sich Andreas geschickt an seinem Laptop.

Außerdem ist sein Hörsinn natürlich sehr geschult, erzählt er. Er erkennt Kollegen sogar aus der Distanz direkt an ihrer Stimme und macht an der Tonlage direkt fest, wie es ihnen geht. So bemerkt er auch sofort einen Pfleger, der zu Andreas und seiner Freundin Birgit kommt. Er hat ein Grinsen auf den Lippen, begrüßt die beiden gut gelaunt und zeigt auf die Kaffeetasse, die vor Birgit steht. ,,Trinkst du noch deinen Kaffee? Was ist das überhaupt für eine große Tasse, soll das eine … Kaffeesuppe sein?“ Alle lachen über die lustige Beobachtung. Die entspannte Grundstimmung fällt überhaupt immer wieder auf in der Pfennigparade, solche kleinen heiteren Momente wie diesen gibt es häufig. Es scheint, als würden viele hier das Leben mit einer gewissen Gelassenheit nehmen.

Die Pflegekräfte unterstützen zwar unter anderem beim Essen oder im Rollstuhl-Alltag, doch wenn es um die Arbeit am Rechner geht, sind die Rollen klar verteilt: Hier sind die Mitarbeitenden mit Einschränkungen die Fachleute. Für das Know-how rund um das Webseiten-Testen gibt es dann noch extra zwei Leitungen im Testlabor.

Auf seinem Laptop öffnet Andreas die aktuelle Aufgabe: Er prüft heute Websites von bayerischen Ministerien und Gemeinden. In einem digitalen Prüfprotokoll dokumentiert er Schritt für Schritt, ob die öffentlichen Seiten den strengen Kriterien der Barrierefreiheit standhalten.

Als offizieller Partner des Programms „Bayern barrierefrei“ wurde das Testlabor 2022 von Digitalministerin Judith Gerlach eröffnet, als Reaktion auf die rasant steigende Nachfrage von Entwicklern. Der politische Druck wächst: Mit dem Barrierefreiheits-Stärkungsgesetz (BFSG) sind Unternehmen seit 2025 verpflichtet, Produkte und Dienste barrierefrei zu gestalten. Hierunter fällt sowohl Hard- als auch Software, also alles vom Geldautomaten bis zum Online-Shop. Das BFSG ist die deutsche Umsetzung des European Accessibility Act (EAA). Für Matthias Messerer, Geschäftsführer der Pfennigparade Chancenwerk GmbH, ist das Gesetz ein wichtiger Schritt, auch wenn er die Schlupflöcher kritisiert: Unternehmen könnten sich im Klagefall noch zu leicht aus der Verantwortung ziehen. Dennoch bleibt das Testlabor eine zentrale Instanz, um Firmen bei der Umsetzung dieser neuen Standards zu unterstützen. Andreas studiert die Website nun bis ins kleinste Detail. Er prüft, ob sich störende Töne abschalten lassen oder ob der Screenreader grafische Elemente automatisch und auf korrekte Weise beschreibt. Ein häufiger Fehler, auf den sie hier stoßen, ist die Hierarchie im Quellcode: „Fehlen sogenannte H-Tags für Überschriften oder sind sie falsch nummeriert, erkennt der Screenreader sie nicht als solche“, erklären Andreas und Birgit, seine Kollegin und Freundin. Insgesamt arbeitet das Team einen Katalog von 98 Prüfschritten ab. Diese basieren auf den internationalen Web-Content Accessibility Guidelines (WCAG) und sind auf bitvtest.de öffentlich einsehbar. Alle gefundenen Mängel dokumentiert Andreas sorgfältig für einen Abschlussbericht, den das Labor den Website-Betreibern als Fazit des Tests schickt. Die digitale Arbeit der Pfennigparade geht weit über das Testlabor hinaus. Während das „Webwerk“ Internetseiten wie www.muenchen-barrierefrei.de programmiert, pflegt die „Medienschmiede“ die Webseite und hält die Inhalte aktuell. Damit hat die Stiftung Pfennigparade großen Erfolg: Mit mehreren tausend Followern und einer Mischung aus persönlichen Schicksalen und humorvollen Einblicken in den Alltag mit Rollstuhl ist die Pfennigparade stark aufgestellt in Sachen Social-Media-Präsenz.

Manchmal ist dies auch sehr unterhaltsam: In einem Video auf Instagram erzählt beispielsweise eine junge Frau im elektrischen Rollstuhl wie es sich anfühlt, betrunken zu fahren.

Andreas verkündet stolz, ein so großer Bereich, der sich nur um das Digitale kümmert, sei nicht selbstverständlich in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Die Zukunft der digitalen Barrierefreiheit liegt für Matthias Messerer auch in der Künstlichen Intelligenz: „Wo Risiken liegen, da liegen auch Chancen. Wichtig ist, bei der Entwicklung den Menschen einzubeziehen. Ob KI-Antworten etwa für Menschen mit kognitiven Einschränkungen verständlich genug sind, bleibt eine Kernfrage. Trotz technischem Fortschritt bliebe das Feedback echter Tester für Entwickler unersetzlich.

Für Andreas de Biasio bringt die KI im Alltag bereits hier und da Vorteile. „Ich darf das eigentlich gar nicht so laut sagen … Aber ich finde ChatGPT schon echt nicht schlecht“, gesteht er lachend. Dank Sprachsteuerung könne er alles fragen und das System lerne auch ständig dazu. Seine Freundin Birgit teilt die Begeisterung, sorgt sich jedoch um den Datenschutz.

Kritischer wird es bei der Frage, ob KI künftig selbst Websites testen kann. Hier drohen Falschinformationen oder mangelnde Barrierefreiheit der Tools selbst.

Gegen reproduzierte Vorurteile und Diskriminierung durch KI gibt es immerhin bereits erste Lösungen, wie das Prüf-Tool „ABLE“, das Software auf ableistische Sprache scannt.

„Das wird spannend, aber auch kompliziert werden“, fasst Andreas die KI-Entwicklungen zusammen. Nach dem langen Arbeitstag vor dem Rechner fühlt sich die Sonne im Innenhof des großen Gebäudekomplexes der Pfennigparade im ersten Moment ein wenig hell, aber dann doch sehr angenehm an. Ich schiebe Andreas in seinem manuellen Rollstuhl, damit er mit Birgits E-Rollstuhl Schritt halten kann. Das erweist sich als ziemlich anspruchsvoll, wenn es vom Bürgersteig auf die Straße geht oder ich den Rollstuhl an einem Straßenschild vorbei manövrieren muss. Dabei habe auch ich mit den wortwörtlichen Barrieren zu kämpfen, die sich Andreas im Rollstuhl stellen, und merke, wie viele das doch sind. Währenddessen sind Andi und seine Freundin glücklich, weil sie auf dem breiten Gehweg nebeneinander fahren können. Sie scherzen miteinander und freuen sich auf den Feierabend.