Irmi Gruber und Thomas Müller

Thomas Müller: So. Dann nochmal. Liebe Irmi, ich freue mich wahnsinnig, dass ich dieses Interview mit dir führen darf. Ich werde dir jetzt mal ein paar Fragen stellen und du kannst beantworten, was dir dazu einfällt.

Irmi Gruber: Ich möchte erst noch sagen: Ja. Herzlich Willkommen. Ich freue mich auch, ein bisschen gespannt bin ich auch, aber da vertraue ich auf deine langjährige Erfahrung als Interviewer.

Thomas Müller: Ja, dann starten wir jetzt doch einfach mal.

Irmi Gruber: Ja.

Thomas Müller: Liebe Irmi, wie bist du zur Pfennigparade gekommen?

Irmi Gruber: Da könnte ich jetzt zum einen sagen, weil ich mich hier beworben habe. Also: Mein Arbeitgeber ist ja die Katholische Kirche im Erzbistum München-Freising und als bekannt war, dass Gustav in den Ruhestand geht, und als die Pfennigparade gesagt hat „Wir möchten eine Nachfolge.“, war die Stelle ausgeschrieben und ich habe mich dafür beworben. Und beworben habe ich mich, weil ich großes Interesse hatte an dieser Stelle.

Thomas Müller: Auch an der Zusammenarbeit mit Menschen mit Einschränkungen? Oder war das kein Grund für dich?

Irmi Gruber: Deshalb habe ich mich ja beworben, weil ich wusste, wer hier lebt und arbeitet, das war natürlich ein Grund. Was ich da noch dazu erzählen könnte: Das war meine zweite Stelle zu Beginn meiner Berufstätigkeit. Da haben in meiner Pfarrgemeinde zwei ältere Damen/Schwestern gelebt und mit denen habe ich mich sehr gut verstanden. Eine davon war der Stiftung Pfennigparade sehr verbunden, jahrelang. Das war die Frau Doktor Antonie Vieregg. Das war auch so ein Grund, wo ich mir gedacht habe, da fügt sich wieder einiges.

Thomas Müller: Mhm. Was hast du denn vor der Pfennigparade gemacht, also wo warst du beschäftigt? Du hast schon deine Arbeit im Erzbistum München-Freising erwähnt. Was hast du speziell vor der Pfennigparade gemacht?

Irmi Gruber: Ja. Ich bin jetzt schon seit über 30 Jahren im Beruf und ich war fast 20 Jahre lang in der Gemeindeseelsorge tätig. In der Gemeindeseelsorge heißt, dass ich wirklich mit allen Generationen und Lebenslagen zu tun hatte. Ich habe mit Eltern, die ein Kind zur Taufe bringen wollten die vorbereitenden Gespräche gehabt. Ich war für Kindergärten zuständig; da auch fürs Personal. Ich habe Erstkommunionvorbereitung geleitet, Religionsunterricht in der Grund- und Mittelschule gegeben, Erwachsenenbildung bis hin dann natürlich auch hochbetagte Menschen und leider immer wieder auch jüngere Menschen, wenn die gestorben sind, dass ich die beerdigt habe und dass ich die Angehörigen begleitet habe.

Thomas Müller: Also wirklich auch eine aktive Trauer- und eine Sterbebegleitung, oder?

Irmi Gruber: Mehr die Trauerbegleitung als die Sterbebegleitung. Das war in der Gemeinde, ja, das gab es vereinzelt auch. Da ist immer wichtig, dass man schon bekannt ist und eine Beziehung miteinander hat.

Thomas Müller: Das ist immer so, dass man als Mensch, der öffentlich arbeitet, möglichst nah an den Menschen sein muss, damit du gut arbeiten kannst.

Irmi Gruber: Ganz genau. Also: Beziehung ist ganz was Wichtiges. Das war meine Gemeindearbeitszeit und dann war ich 13 Jahre in der Ausbildung für Pastoralreferenten und -referentinnen tätig. Da war es mir ein großes Anliegen, was ich als so schön und wertvoll in meiner Studien- und Ausbildungszeit erlebt habe, an die junge Generation weiterzugeben und es hat mir viel Freude gemacht. Ich sage auch heute noch „Meine Studentinnen und Studenten“. Danach, nach dieser Zeit als Ausbildungsleiterin war ich, weil du die Sterbe- und Trauerbegleitung angesprochen hast, im neuerbauten Haus am Ostfriedhof als Seelsorgerin in der Trauerpastoral und dann bin ich jetzt in die Pfennigparade gekommen.

Thomas Müller: Wie bist du zu dem Beruf, oder zu dem seelsorgerischen Einschlag des Berufs gekommen?

Irmi Gruber: Also: Ich glaube, es ist schon ein Grundzug von mir, dass ich ganz gerne und auch gut mit Menschen kann. So sagt es zumindest meine Mutter, wäre ich als Kind schon gewesen, und dann ist es eher ganz klassisch: Ich bin in eine gut katholisch situierte Familie auf dem Land hineingeboren. Es hat einfach dazugehört: Meine Mutter vor allen Dingen war in ihrer Jugend ganz aktiv in der Landjugend und da bin ich einfach ganz selbstverständlich hineingewachsen. Und dann auch meine Schulzeit. Ich war auch auf einer ehemaligen Klosterschule. Da hat Glaube selbstverständlich dazugehört. Ich habe immer viele Freude gehabt, mit Menschen was gemeinsam zu unternehmen und über den Glauben nachzudenken. So hat es sich dann entwickelt.

Thomas Müller: Ja. Das ist glaube ich auch was, was mich immer auch bewegt als Werkstattrat. Ich möchte auch nah bei dem Menschen sein. Ich möchte wissen, wie es meinem engeren Umfeld geht. Ja, das kann ich gut verstehen, wie gesagt.  Als Mensch bin ich da sicher ähnlich.

Was ist deine Aufgabe als Seelsorgerin hier, bei uns?

Irmi Gruber: Ich finde es vielfältig und genau das ist schön. Was sind meine Aufgaben? Zum einen sage ich, weil es mir auch sehr wichtig ist: Das sind Einzelgespräche in ganz unterschiedlichster Form, dass ich mit Leuten einen Termin ausmache, und die kommen zu mir, so wie ihr jetzt da seid. Es passiert immer wieder, dass jemand klopft und spontan vorbeikommen will. Ich mache auch Termine aus und besuche die Leute entweder da, wo sie arbeiten, oder da, wo sie wohnen. Ich gehe manchmal auch spazieren mit Leuten, wenn es vom Wetter her passt, oder wie es tatsächlich gerade vor 10 Minuten war, dass mich spontan jemand anruft und sagt „Ich habe jetzt gerade etwas, das muss ich loswerden.“ Das ist also ein Bereich meiner Aufgaben, die Einzelgespräche. Dann sage ich mal, gibt es was für Gruppen, das sind die „Spurensucher“, die alle paar Monate sind. Das hat Gustav ja auch schon gemacht, das ist eine Art von Gottesdienst. Ich sage es bewusst: Eine Art, weil ich bin ja hier da als Seelsorgerin unabhängig von Konfession oder Weltanschauung. Und so versuchen wir auch in den Spurensuchern den Fragen des Lebens nachzugehen und ganz offen je nachdem, welcher Religionszugehörigkeit man ist oder eben nicht. Aber ich denke, Fragen übers Leben, die hat jeder. Also: Gemeinschaftsangebote. Ich habe jetzt bei der Woche zur seelischen Gesundheit zweimal einen Workshop angeboten, der war kunsttherapeutisch angelegt, weil das eine Zusatzausbildung von mir ist. Und ich könnte mir vorstellen, dass ich so was auch in meine Arbeit hier integriere. Dann bin ich auch, was jetzt Konzepte angeht, im „Arbeitskreis Palliativ“, also, wo ich auch mir Gedanken mache über Begleitung, und zwar Begleitung, wenn es dem Lebensende zugeht. Das würde ich sagen, das sind so Bestandteile. Einzelseelsorge, Gruppenangebote, Konzept, theologisch z.B. in den Impulsen zum Nach-denken, die möchte ich auch in irgendeiner Form weiterführen. Ist das in Ordnung so als breites Feld, was ich angebe?

Thomas Müller: Ja. Natürlich, natürlich. Den typischen Auftrag hast du gerade schon beschrieben, dann gehe ich mal weiter, ja. Als Seelsorgerin hörst du sicherlich nicht nur leichte Dinge an, von den Personen, die sich an dich wenden. Wie gehst du damit um, bzw. wie schaffst du es, dass du das nicht alles selber in deinem Kopf mitnimmst?

Irmi Gruber: Spontan möchte ich sagen: Ich habe halt doch schon ein Stückchen Lebens- und Berufserfahrung, wo es für mich nahezu selbstverständlich dazugehört. Wie kann ich mit so etwas umgehen? Ich weiß, was in einem Menschenleben alles passieren kann. Ich habe selber schon einiges erlebt. Von daher so dieses „Nimmst du sowas mit nach Hause?“ Ich natürlich, sorge ich natürlich dafür, dass ich einen Ausgleich habe, dass ich Dinge mache, wo ich weiß, das tut mir gut, z.B., dass ich mit Freunden reden kann.

Thomas Müller: Was tut dir gut? Zum Beispiel, du kriegst was Stressiges gesagt, oder du kriegst was gesagt, was dich einfach, was dich mitnimmt. So. Was tust du, damit du selber wieder klarkommst?

Irmi Gruber: Ich habe hier schon Sachen gehört oder begleitet, wo es mir gut getan hat, wenn ich zu jemand anderem, wenn ich einfach da vertraulich sagen konnte, wie es mir gerade geht. Ich denke mir auch, es ist wichtig, das Vertrauen zu haben, ich werde nicht alles lösen können. Das Vertrauen, dass jemand anderer auch noch da ist, der da ist. Ich kann mich anbieten und da sein und dazu noch das Vertrauen haben, dass es eine andere Macht gibt, die für uns sorgt.

Thomas Müller: In das Umfeld, die Menschen, oder Gott, oder wie auch immer.

Irmi Gruber: Ganz genau. Ich kann meinen Teil dazu tun nach bestem Wissen und Gewissen und dann auch Vertrauen haben.

Thomas Müller: Mhm. Dann: Kennst du Gustav Schädlich-Butler und habt ihr euch ausgetauscht? Gab es eine Art Übergabe?

Irmi Gruber: Ich kann zu Allem sagen: Ja. Das Nette ist, also, wenn Pastoralreferenten in den Dienst der Kirche gehen, mit dem Beruf anfangen, gibt es eine so-genannte Aussendungsfeier und da waren Gustav und ich im gleichen Kurs. 1993 sind wir beide in den Dienst der Diözese gekommen, von daher kenne ich ihn und kenne ihn schon lange. Und ja, wir haben uns ausgetauscht. Ich war sogar, als ich mir überlegt habe, passe auch ich zu dieser Stelle, war ich auch mal einen halben Tag beim Gustav. Wir haben uns ausgetauscht und es gab auch eine Übergabe, ob es jetzt Sachen sind, die digital abgelegt sind, oder ganz viele Ordner von Gustav. Ja. Es ist gelaufen. Ich bin auch jetzt noch in Kontakt mit ihm. 

Thomas Müller: Ich auch.

Irmi Gruber: Und wenn es nur ist, dass wir uns nur grüßen, oder ich glaube, zum Weihnachtsmarkt haben wir uns kurz ausgetauscht. Es ist nicht so, dass ich Gustav andauernd fragen muss. Ich weiß, dass Gustav, so wurde es gesagt, hier große Spuren hinterlassen hat.

Thomas Müller: Das kann ich dir sagen: Es sind sehr große.

Irmi Gruber: Ja. Und doch habe ich so gut wie nie das Gefühl gehabt, ich werde jetzt verglichen oder ich muss genau auch so sein wie Gustav. Ich weiß, es war eine große Wertschätzung da, aber ich fühle jetzt nicht diesen Druck, ich muss genau so sein.

Thomas Müller: Das wäre auch nicht gut, glaube ich. Jeder Mensch ist unterschiedlich.

Irmi Gruber: Ja.

Thomas Müller: So ist es. Ja.

Irmi Gruber: Ja.

Thomas Müller: Genau. Wo findest du deine innere Stärke und Kraft, um deine Arbeit entsprechend gut zu machen?

Irmi Gruber: Es wird mir tatsächlich von außen immer mal wieder gesagt, dass ich Ruhe ausstrahle. Von daher glaube ich, ist ein Kern in mir da. Ja, das ist auch ein bisschen so, wie wir zuvor schon unterwegs waren: Ein Urvertrauen, das da ist.

Thomas Müller: Ja. Das gibt es.

Irmi Gruber: Und ein immer wieder Nachdenken übers Leben und Hinterfragen und auch genau hinzuschauen: Was ist jetzt und was ist hier los? Ich glaube, das ist wichtig, dass ich meine Arbeit gut machen kann, so wie es gerade gefragt ist.

Thomas Müller: Das verstehe ich.

Wie findest du einen guten Ausgleich zwischen Beruflichem und Privatem?

Irmi Gruber: Ich grinse jetzt deswegen ein wenig, ich wohne nicht weit weg von der Pfennigparade und ich fahre täglich mit dem Rad hierher. Ich bin total froh um diese wenigen Minuten mit dem Fahrrad und die Umgebung und die frische Luft, die ich für mich dazwischen habe. Das hilft mir z.B. auch schon, um Abstand zu gewinnen, und Tage, an denen es das Wetter mies ist, also so mies ist, dass ich mit der U-Bahn fahren muss. Da bin ich fast schon etwas knatschig. Also: In der Früh auf dem Weg zur Arbeit. Ja. Das ist ein Ding, um Abstand zu gewinnen, und ja, dann natürlich darauf zu achten, wie ich vorhin zuvor auch gesagt habe, was tut mir gut, was mache ich gerne? Ich bin ganz gerne kreativ gestaltend. Das ist für mich auch ein Ausgleich. Auch wenn ich nur dasitze und stricke.

Thomas Müller: Im Sinne der Meditation, im Sinne der seelischen Beruhigung?

Irmi Gruber: Kann man beides nehmen. Ja. Da können die Gedanken einfach laufen. Aber es ist für mich gut, wenn ich was mit Händen machen kann. Genauso, wenn ich male, so wie die Farbe aufs Papier fließt, fließen auch die Gedanken. Das tut mir ganz gut für Abstand. Und immer wieder einfach für sich selber Ruhe finden.

Thomas Müller: Ja, das verstehe ich gut.

Irmi Gruber: So würde ich das beschreiben. Ja.

Thomas Müller: Eine letzte Frage: Möchtest du zum Schluss noch eine Anekdote oder eine Inspiration mit uns teilen?

Irmi Gruber: Da muss ich jetzt nachfragen. Was ist da genauer gemeint? Anekdote aus meinem Leben oder von hier?

Thomas Müller: Einfach, etwas, was du uns mitteilen möchtest, was dir in den Kopf kommt bei dieser Frage.

(Beide lachen.)

Irmi Gruber: Also: Ich kann erzählen, dass ich anfällig bin für Postkarten, wo irgendwelche klugen oder weniger klugen, witzige oder weniger witzige Sprüche draufstehen. Das sammele ich auch was und da habe ich tatsächlich einen Lieblingsspruch, den ich immer wieder zitiere und den ich auch bei meinen Studierenden hatte. Das ist der Spruch „Das Bauchgefühl ist ein verdammt kluger Kopf.“ Weil ich immer meine, es muss beides zusammenkommen, nicht nur alles übers Gehirn machen und nachdenken, sondern auch die Gefühle zulassen. Deswegen Bauchgefühl. Das ist jetzt schon fast ein Impuls. Also: Die Anekdote ist die Inspiration. Ich sammle ganz gerne solche Sprüche oder lustige Sprüche und manchmal gebe ich die auch weiter.

Thomas Müller: Vielen Dank Irmi für dieses wunderschöne Interview.